Deutscher Gewerkschaftsbund

05.12.2019
Rente

Neue Studie: Verdeckte Altersarmut bleibt hoch

von Jörg Meyer

Rund 625.000 Haushalte nehmen ihre Ansprüche auf staatliche Hilfeleistungen nicht wahr und verzichten darauf, Grundsicherung im Alter zu beantragen. Die Gründe dafür sind wenig erforscht. Die Autoren der Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schlagen eine standardisierte Einkommensprüfung und den Verzicht auf die Vermögensprüfung vor, damit mehr Menschen, die ihnen zustehenden Hilfen zum Lebensunterhalt auch in Anspruch nehmen.

Miniatur älterer Mann auf einem Stapel Münzen

DGB/mariok/123RF.com

Da läuft etwas schief: Rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten beantragen die Grundsicherung im Alter nicht. Das sind laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) rund 625.000 Haushalte. Die Zahlen deuten auf eine hohe verdeckte Altersarmut hin.

Der aktuelle DIW-Wochenbericht verweist auf andere Studien, nach die eine Quote bei der Nichtinanspruchnahme von 40 bis 60 Prozent der Anspruchsberechtigten ausweisen. Konkret: Die Zahl derer, die Grundsicherung im Alter beantragen, könnte doppelt so hoch sein.

Knapp 60 Prozent derer, die auf die Grundsicherung verzichten, sind alleinlebend, davon 76,9 Prozent verwitwet und 63,7 Prozent Frauen – insgesamt rund 433.000 Haushalte. Nicht Alleinlebende machen insgesamt 192.000 der Haushalte aus. Zwar nehmen Alleinlebende, die nicht über andere Personen im Haushalt abgesichert sind, her Ansprüche häufiger wahr, das gilt aber nicht für verwitwete Personen.

Auffallend ist, dass Anspruchsberechtigte je eher auf die Leistungen verzichten, desto niedriger ihre Ansprüche sind. Liegen diese zwischen 20 und 200 Euro monatlich, sind es fast 80 Prozent, liegen die Ansprüche über 600 Euro, sind es rund 21 Prozent. Im Westen verzichten mehr Menschen auf ihren Anspruch auf Grundsicherung als im Osten. Das könnte laut der Studie daran liegen, dass Menschen in Ostdeutschland in der Regel weniger Vermögen haben.

Denn vermögende Berechtigte nehmen die Grundsicherung seltener in Anspruch – vermutlich aus Angst, ihre Vermögen zu verlieren. Dass die Inanspruchnahme mit steigendem Alter weiter sinkt, ist für die DIW-Forscher ein Anzeichen für mangelnde Information über die Leistung. Bie den Über-76-Jährigen verzichten knapp 80 Prozent auf die Leistung

„Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass die verdeckte Altersarmut auch nach der Reform der Grundsicherung im Jahr 2003 erheblich ist“, schreiben sie zusammenfassend. Besonders Menschen mit geringem Anspruch verzichten darauf, die Grundsicherung zu beantragen – obwohl auch kleine Unterstützungsleistungen bei geringem Einkommen einen großen Anteil zum Haushalteinkommen beitragen können.

Würden alle Anspruchsberechtigten die Grundsicherung im Alter beantragen, entspräche das einer absoluten durchschnittlichen Einkommenssteigerung von Rentnerinnen und Rentnern von 220 Euro monatlich oder 2650 Euro jährlich. Besonders Haushalte, in denen weder der Haushaltsvorstand noch der/die Partner/in eine gesetzliche Rente beziehen, würde sich das mit rund 300 Euro mehr im Monat deutlich niederschlagen. Bei den meisten Haushalten läge der Zuwachs durch die Grundsicherung bei rund 30 Prozent.

In ihrem Fazit schlagen die Autoren der Studie vor, die Bewilligungsphase von derzeit zwölf Monaten zu verlängern, da sich in der Regel die Einkommenssituation von Rentnerinnen und Rentner selten ändert. Zudem könnte die Antragstellung erleichtert werden; etwa durch eine Standardisierung der Einkommensprüfung. Und letztlich könnten, da Menschen mit einem hohen Vermögen auch hohe Kapitalerträge haben, die Höhe des Anspruchs über eine standardisierte Einkommensprüfung ermittelt werden – und auf die aufwendig Vermögensprüfung ganz verzichtet werden. Das würde Prozesse vereinfachen und beschleunigen und könnte überdies Menschen die Angst nehmen, dass sie ihr Vermögen verlieren oder auf das Vermögen der Kinder zurückgegriffen wird.

„Ohne Änderung der Regelungen in die skizzierte Richtung dürfte die verdeckte Altersarmut kaum zurückgehen“, heißt es am Schluss der Untersuchung.


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