Deutscher Gewerkschaftsbund

03.06.2019
Kolumne zur Alterssicherung

Generationentreffen oder: Am Mittagstisch zu Pfingsten

von Elke Gündner-Ede, Mitglied im Geschäftführenden Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Die Mutter hat ihre Tochter und Enkelin wieder zum traditionellen Pfingstessen eingeladen. Doch es könnte dieses Jahr das letzte Mal sein. Denn die Mutter geht in Rente und weiß nicht, ob sie im nächsten Jahr wieder zum großen Familienessen einladen kann. Obwohl sie ihr ganzes Leben gearbeitet hat, ist sie von Altersarmut bedroht. Eine Grundrente würde sie davor schützen.

Mutter, Tochter und Enkelin sitzen zusammen auf der Couch und trinken Kaffee

DGB/Mark Bowden/123rf.com

Handelnde Personen: Mutter(M.) 65 Jahre, Tochter (T.)38 Jahre, Enkelin (E.)16 Jahre

Das opulente Mahl ist bereits beim Hauptgang angekommen.

M: Haut rein und genießt unser traditionelles Mahl. Vielleicht ist es das letzte Mal.

Allgemeines Erstaunen

M.: Naja, ich gehe nächstes Jahr in Rente, und dann bezweifele ich, dass ich mir das so noch leisten kann.

T: Aber wieso? Du hast doch dein ganzes Leben gearbeitet und warst nur kurze Zeit in Teilzeit – da hast Du doch eine gute Rente!

E.: Außerdem warst Du immer im öffentlichen Dienst – und da hast Du doch auch ne Betriebsrente – hast Du mir doch selbst letztens erklärt. Du bist super abgesichert!

M.: Ja, das habe ich auch gedacht – aber die Wirklichkeit sieht nach Aussage der Renten-versicherung leider anders aus. Von meiner Rente werden im nächsten Jahr 80 Prozent versteuert. Dazu kommen noch die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung.

T.: Aber Du hast doch noch die „zweite Säule“ – deine Betriebsrente - von der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL)? Da muss doch eine beträchtliche Summe zusammenkommen. Ich mag gar nicht daran denken, wie es mir einmal geht mit meinem langen Studium, das nicht mehr angerechnet wird. Den Studienkredit muss ich auch noch abzahlen, obwohl ich mit meinem Teilzeitjob sowieso nicht weiß, wie ich unseren Lebensunterhalt finanzieren soll. Meine Bewerbung auf eine volle Stelle ist mal wieder abgelehnt worden.

M.: Das mit der VBL hatte ich mir auch einmal anders vorgestellt. Meine Mutter hat sie auch bekommen, aber da konnte man mit beiden Renten sogar mehr Geld in der Tasche haben als vorher – gerecht war das auch nicht und ist schon lange vorbei. Aber jetzt zahle ich neben der Steuer auch noch die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteile für die Kranken- und Pflegeversicherung – Doppelverbeitragung nennt sich das und ist total ungerecht!

Portrait von GdP Vorstandsmitglied Elke Gündner-Ede

Hagen Immel

Die Autorin

Elke Gündner-Ede ist seit 1976 Mitglied der GdP. Im Geschäftsführenden Bundesvorstand, dem sie seit 2006 angehört, ist sie zuständig für Gleichstellungspolitik, Sozialpolitik und Sozialversicherungsrecht sowie für den Bundesfachausschuss Polizeiverwaltung. Die 62-Jährige ist zudem seit 2008 stellvertetende Vorsitzende des Polizeihauptpersonalrates im niedersächsischen Innenministerium.

E.: Zumindest hast Du doch deine Eigentumswohnung – da brauchst Du keine Miete zu bezahlen und hast eine weitere Absicherung.

M.: Ja, der Traum ist leider auch vorbei. Ihr erinnert euch doch an die Sanierung vor drei Jahren. Da musste ich eine Hypothek aufnehmen, an der zahle ich noch Jahre. Ich weiß gar nicht, ob ich mir das in der Rente überhaupt leisten kann.

T.: Ach sieh‘ doch nicht so schwarz, du bekommst doch durch die gerade verabschiedete Verbesserung der Mütterrente einen halben Entgeltpunkt dazu. Das macht doch sicher auch etwas aus.

M.: …aktuell stolze 16 Euro und 1 Cent monatlich, da ich in Westdeutschland arbeite. Sonst wären es noch 67 Cent weniger. Außerdem hätte ich mit deiner Geburt rententechnisch gesehen noch bis 1992 warten sollen, dann hätte ich nämlich schon seit Jahren Anspruch auf einen ganzen Entgeltpunkt mehr und damit insgesamt auf 96,09€ monatlich. Ich frage mich schon die ganze Zeit, warum deine Geburt und Erziehung weniger wert ist, als die eines Kindes ab 1992?

E.: Wenn ich das alles so höre, muss ich mir doch überlegen, ob ich wirklich die Oberstufe noch fertig mache. Vielleicht sollte ich mir doch gleich einen Ausbildungsplatz suchen und für die Rente arbeiten – aber wer garantiert mir denn, dass es in circa 55 Jahren überhaupt noch eine Rentenkasse gibt?

M.: Leider kann niemand in die Glaskugel schauen…Und überhaupt früher war genug Geld in der Rentenkasse, so dass sich der Staat öfter mal aus dem Topf bedient hat. Heute ist es eher umgekehrt – obwohl Mütterrente und ähnliches wären eigentlich aus dem Steuersäckel zu bezahlen.

T.: Die diskutieren ja im Augenblick über eine Grundrente, damit Leute wie ich, die jahrelang Praktika praktisch ohne Geld absolviert haben und jetzt in prekären Arbeitsverhältnissen stecken, überhaupt über die Runden kommen.

M.: Diese Diskussion ist sinnvoll – vor allem wenn ich daran denke, dass durch die fortschreitende Digitalisierung auch immer mehr Arbeitsplätze und Berufe von der Bildfläche verschwinden. Und deshalb liebe E. rate ich dir: Setze auf Bildung und schau dann, welchen Beruf du ergreifst.

Das Dessert ist verspeist, und die Damen brechen zur ihrer obligatorischen kleinen Pfingstwanderung auf.

Dieser Text ist Teil unserer Kolumne zum Theme Rente. Alle 14 Tage finden Sie hier einen neuen Beitrag - von Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Verbänden und Gewerkschaften.

Die Meinungen und Äußerungen der Autorinnen und Autoren dieser Kolumne entsprechen nicht zwangsläufig den Positionen des Deutschen Gewerkschaftsbundes.


Nach oben

Fragen und Antworten zur Grundrente


Drei Fragen zur Grundrente an Annelie Buntenbach

Der Bundesarbeitsminister plant die Einführung einer Grundrente für Menschen mit niedrigem Einkommen. Was genau die Grundrente ist und warum sie richtig und notwendig ist, beantwortet DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Der Grundrenten-Rechner

Grafik eines Taschenrechner sowie das Wort "Grundrenten-Rechner"; beides weiß auf rotem Grund
DGB

Rentenkommission

Flyer "Rente mit Zukunft"

Kurs­wech­sel bei der Ren­te: Was jetzt pas­sie­ren muss
Weißer Text "Rente mit Zukunft" auf rotem Grund
DGB
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine acht Mitgliedsgewerkschaften wollen den Sinkflug der gesetzlichen Rente stoppen. Mit unserer Kampagne "Rente muss reichen" haben wir erreicht, dass die Politik sich bewegt. Wir haben erreicht, dass die Frage einer guten Alterssicherung wieder politisch diskutiert wird. Die neue Bundesregierung ist die ersten Schritte gegangen. In unserer Broschüre "Rente mit Zukunft" zeigen wir, wie es jetzt weitergehen muss.
weiterlesen …

DGB-Stellungnahme zum Entwurf des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes (Rentenpaket I)

Dokument ist vom Typ application/pdf.

DGB-Stellungnahme zum "Rentenpaket I" - Entwurf eines Gesetzes über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung (RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz): "Der Gesetzentwurf ist in seinen Grundzügen und in wesentlichen Teilen zu begrüßen. In einigen Details und insbesondere bei der Finanzierung muss jedoch nachgebessert werden."

Mehr zum Thema Rente

Was das Re­zo-Vi­deo mit der Grund­ren­te zu tun hat
Kurz vor der Europawahl sorgte das Video "Die Zerstörung der CDU" des Youtubers Rezo für großes Aufsehen. Zu Recht. Denn Rezo spricht in seinem Video viele wichtige Themen an, die die Politik auf jeden Fall angehen muss. Aber was hat das Video von Rezo mit der Grundrente zu tun?
weiterlesen …

Gu­ter Lohn und Gu­te Ar­beits­be­din­gun­gen sind ent­schei­dend – auch für die Ren­te
Miniaturen von Menschen zwischen Geldscheinen und Münzen
DGB/calvste/123RF.com
Rund 140 Menschen besuchten am 6. Juni die rentenpolitische Fachtagung „Neustart in der Rentenpolitik - Vom Menschen her denken“ in Berlin. Die Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Gewerkschaft und Politik diskutierten über eine Anpassung des Rentensystems an einen sich verändernden Arbeitsmarkt. Deutlich wurde unter anderem: Sozialpolitik kann nicht alles auffangen. Entscheidend sind gute Arbeitsplätze mit guten Löhnen.
weiterlesen …

DGB un­ter­stützt Re­fe­ren­ten­ent­wurf zur Grund­ren­te
Älterer Mann mit Hemd und Schlips ist in Eile
DGB/bowie15/123RF.com
Der DGB befürwortet den Referentenentwurf für ein Gesetz zur Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung, den das Bundesarbeitsministerium Ende Mai vorgelegt hat. Mit der Grundrente wird die Lebensleistung von Menschen gewürdigt, die jahrzehntelang zu niedrigen Löhnen gearbeitet haben. Der Entwurf wird nun in der Koalition abgestimmt. Die Einführung der Grundrente duldet keinen Aufschub.
weiterlesen …

Bun­ten­bach und Bsir­s­ke for­dern Neu­start in der Ren­ten­po­li­tik
Großvater und Enkel mit Spielzeug-Flugzeug vor blauem Himmel
DGB/dolgachov/123rf.com
Auf einer Fachtagung von DGB und WSI fordert DGB-Vorstand Annelie Buntenbach einen Kurswechsel in der Rentenpolitik: „Kern einer künftigen Rentenpolitik muss ein dauerhaft stabiles, angehobenes Rentenniveau auch über 2025 hinaus und ein starker solidarischer Ausgleich sein.“ Als erstes sollten die nicht abgesicherten Selbstständigen in das Solidarsystem einbezogen werden.
Zur Pressemeldung

Neu­start in der Ren­ten­po­li­tik – vom Men­schen her den­ken
Ältere Frau und älterer Mann sitzen am Laptop und lächeln
DGB/goodluz/123RF.com
Worum sollte sich die Politik bei der Rente vor allem kümmern? Was sind die größten Probleme? Diese und weitere Fragen diskutiert das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) auf einer Fachtagung am 5. Juni in Berlin.
weiterlesen …

Grund­ren­ten-De­bat­te: "Wir kön­nen die­se 90 Pro­zent doch nicht zum So­zi­al­amt schi­cken"
Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied
DGB/Simone M. Neumann
90 Prozent der Menschen, die eine Grundrente erhalten würden, brauchen diesen Zuschlag zur Rente. Das zeigt eine Studie im Auftrag des DGB. Wäre für die Grundrente eine Bedürftigkeitsprüfung erforderlich, müssten diese 90 Prozent den bürokratischen Weg zum Sozialamt antreten. Das wäre das Gegenteil von Respekt vor ihrer Lebensleistung, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach.
weiterlesen …
Erste Seite  Vorherige Seite 
Seite: 1 2 3
Letzte Seite