Deutscher Gewerkschaftsbund

13.05.2019

Mütter erleiden Lohneinbußen – flexible Arbeitszeitmodelle helfen nicht

von Jörg Meyer

Eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Ein gewichtiger Grund für den sogenannten Gender Pay Gap ist Mutterschaft. Die Autorinnen empfehlen unter anderem verbesserte Elternzeitmodelle und einen Mentalitätswechsel. Damit die geringere Bezahlung am Ende des Erwerbslebens nicht in die Altersarmut führe, muss die Grundrente schnell eingeführt werden, sagt Markus Hofmann vom DGB.

Schwangere Frau am Schreibtisch

DGB/dolgachov/123rf.com

Wenn Frauen Kinder bekommen, müssen sie in Deutschland mit erheblichen Lohneinbußen rechnen. Auch Gleitzeit kann das nicht verhindern, zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

„Die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern ist ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu Geschlechtergleichstellung“, heißt es in der Studie. Besonders längere Elternzeiten ziehen erhebliche Lohneinbußen für Frauen nach sich.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist der Verlust von Humankapital während einer Erwerbsunterbrechung aufgrund von Elternzeit. Humankapital sammeln Beschäftigte im Laufe ihrer Erwerbskarriere etwa durch Schulbildung, Berufserfahrung oder Fortbildungen am Arbeitsplatz. Dementsprechend steigen die Einkommen im Laufe der Erwerbskarriere entsprechend. „Kindbedingte Diskontinuitäten im Erwerbsverlauf führen zur Entwertung von angesammeltem Wissen und Fähigkeiten“, schreiben die Autorinnen Yvonne Lott vom WSI und Lorena Eulgem. Besonders betroffen davon seien Mütter mit hohem Bildungsniveau. So hätten höher gebildete Frauen mit Kindern nach zehn Jahren insgesamt 24 Prozent weniger verdient als ihre Kolleginnen ohne Kinder.

Ein weiterer Grund für kindbedingte Lohneinbußen sei die „negative Signalwirkung“, die mit Mutterschaft einhergeht: Frauen, die für die Kindeserziehung eine zeitlang aus dem Job gehen, werde eine „mangelnde Karriereorientierung“ unterstellt. Unabhängig von ihrem tatsächlichen Arbeitsverhalten schätzen Arbeitgeber die Produktivität von Müttern als niedriger ein und bezahlen sie schlechter als kinderlose Frauen.

In punkto Geschlechtergleichheit hinke Deutschland in vielerlei Hinsicht hinterher, so Lott und Eulgem. Der Gender Pay Gap sei mit 21 Prozent höher als in den meisten anderen Industriestaaten. Noch düsterer sieht es aus, wenn Nachwuchs im Spiel ist: Studien zufolge verdienen Mütter von zwei Kindern bis zum Alter von 45 Jahren bis zu 58 Prozent weniger als kinderlose Frauen.

Ein dritter gewichtiger Grund ist, dass Frauen nach der Elternzeit oftmals auf eine Stelle mit familienfreundlicheren Arbeitszeitmodellen wechseln. Aber Teilzeitstellen seien in der Regel Stellen mit weniger anspruchsvollen Tätigkeiten und ohne Karriereperspektiven. Zusätzlich zum Einkommensverlust durch die Stundenreduzierung, werden Teilzeitstellen oft als geringwertiger angesehen, was auch zu niedrigeren Einkommen führen kann.

Flexible Arbeitszeiten als Abhilfe

Flexible Arbeitszeiten könnten dabei helfen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, so Lott und Eulgem. Insofern sollten sie eigentlich dazu beitragen, die Lohneinbußen von Frauen mit Kindern zu reduzieren. Tatsächlich hätten US-amerikanische Studien gezeigt, dass erwerbstätige Mütter von Gleitzeit dort finanziell profitieren.

Um zu überprüfen, ob ein solcher Effekt auch in Deutschland nachweisbar ist, haben die Wissenschaftlerinnen Daten des Sozio-oekonomischen Panels für Frauen, die in Elternzeit waren und vorher oder nachher Gleitzeit hatten, ausgewertet. Ihre Berechnungen bestätigen zunächst, dass Mutterschaft mit deutlichen Verdienstnachteilen verbunden ist: Die beobachteten Frauen, die nach einer Elternzeit von bis zu einem Jahr in den Beruf zurückkehren, verdienen im Schnitt 6,5 Prozent weniger pro Stunde. Wer mehr als ein Jahr pausiert, bekommt danach pro Stunde fast zehn Prozent weniger bezahlt.

Gleitzeit hat der Analyse zufolge generell einen positiven Effekt auf die Löhne von Frauen: Wenn sie von festen Arbeitszeiten zu Gleitzeit wechseln, erhöht sich das Gehalt weiblicher Beschäftigter um durchschnittlich 4,5 Prozent. Das Vorzeichen ändert sich jedoch, wenn es um Mütter geht: Frauen, die eine längere Elternzeit hinter sich haben, verdienen 16 Prozent weniger, wenn sie in Gleitzeit wechseln.

Anders als in den USA scheine Gleitzeit in Deutschland das Stigma von Mutterschaft noch zu verstärken, urteilen die Autorinnen.

Sie empfehlen unter anderem einen weiteren Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung Reformen bei der Elternzeit, im Steuerrecht – und einen Mentalitätswechsel. Die partnerschaftliche Arbeitsteilung müsse gefördert und damit die stark ausgeprägten Vorurteile gegenüber erwerbstätigen Müttern abgebaut werden. Um das zu erreichen könnten unter anderem die Partnermonate bei der Elternzeit zu verlängert und ein Recht auf Familienarbeitszeit eingeführt werden, bei der beide Partner ihre Arbeitszeit reduzieren. Dass progressive soziale Normen im Zusammenspiel mit einem gut ausgebauten Betreuungsangebot viel bewirken können, zeigt nach Ansicht von Lott und Eulgem das Beispiel Schweden: Hier verdienen Mütter ab dem 40. Lebensjahr im Schnitt sogar mehr als kinderlose Frauen.

„Das Ergebnis der mutterschaftsbedingten Lohneinbußen ist oft, dass Frauen in der Teilzeitfalle steckenbleiben“, sagt Markus Hofmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik beim DGB Bundesvorstand. Es seien diese Frauen, die nach jahrzehntelanger Erwerbsarbeit zu niedrigen Einkommen am Ende eine Rente erhalten, die zum Leben nicht reicht. „Neben den Maßnahmen, die während des Erwerbslebens getroffen werden können, fordern wir deshalb die schnelle Einführung der Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung. Das Modell dafür hat das Bundesarbeitsministerium vorgelegt. Jetzt muss es schnell umgesetzt werden“, so Hofmann weiter.


Die komplette Studie im WSI-Report Nr. 49 zum Download


Nach oben

Fragen und Antworten zur Grundrente


Drei Fragen zur Grundrente an Annelie Buntenbach

Der Bundesarbeitsminister plant die Einführung einer Grundrente für Menschen mit niedrigem Einkommen. Was genau die Grundrente ist und warum sie richtig und notwendig ist, beantwortet DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Rentenkommission

Flyer "Rente mit Zukunft"

Kurs­wech­sel bei der Ren­te: Was jetzt pas­sie­ren muss
Weißer Text "Rente mit Zukunft" auf rotem Grund
DGB
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine acht Mitgliedsgewerkschaften wollen den Sinkflug der gesetzlichen Rente stoppen. Mit unserer Kampagne "Rente muss reichen" haben wir erreicht, dass die Politik sich bewegt. Wir haben erreicht, dass die Frage einer guten Alterssicherung wieder politisch diskutiert wird. Die neue Bundesregierung ist die ersten Schritte gegangen. In unserer Broschüre "Rente mit Zukunft" zeigen wir, wie es jetzt weitergehen muss.
weiterlesen …

DGB-Stellungnahme zum Entwurf des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes (Rentenpaket I)

Dokument ist vom Typ application/pdf.

DGB-Stellungnahme zum "Rentenpaket I" - Entwurf eines Gesetzes über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung (RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz): "Der Gesetzentwurf ist in seinen Grundzügen und in wesentlichen Teilen zu begrüßen. In einigen Details und insbesondere bei der Finanzierung muss jedoch nachgebessert werden."

Mehr zum Thema Rente

DGB un­ter­stützt Re­fe­ren­ten­ent­wurf zur Grund­ren­te
Älterer Mann mit Hemd und Schlips ist in Eile
DGB/bowie15/123RF.com
Der DGB befürwortet den Referentenentwurf für ein Gesetz zur Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung, den das Bundesarbeitsministerium Ende Mai vorgelegt hat. Mit der Grundrente wird die Lebensleistung von Menschen gewürdigt, die jahrzehntelang zu niedrigen Löhnen gearbeitet haben. Der Entwurf wird nun in der Koalition abgestimmt. Die Einführung der Grundrente duldet keinen Aufschub.
weiterlesen …

Bun­ten­bach und Bsir­s­ke for­dern Neu­start in der Ren­ten­po­li­tik
Großvater und Enkel mit Spielzeug-Flugzeug vor blauem Himmel
DGB/dolgachov/123rf.com
Auf einer Fachtagung von DGB und WSI fordert DGB-Vorstand Annelie Buntenbach einen Kurswechsel in der Rentenpolitik: „Kern einer künftigen Rentenpolitik muss ein dauerhaft stabiles, angehobenes Rentenniveau auch über 2025 hinaus und ein starker solidarischer Ausgleich sein.“ Als erstes sollten die nicht abgesicherten Selbstständigen in das Solidarsystem einbezogen werden.
Zur Pressemeldung

Neu­start in der Ren­ten­po­li­tik – vom Men­schen her den­ken
Ältere Frau und älterer Mann sitzen am Laptop und lächeln
DGB/goodluz/123RF.com
Worum sollte sich die Politik bei der Rente vor allem kümmern? Was sind die größten Probleme? Diese und weitere Fragen diskutiert das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) auf einer Fachtagung am 5. Juni in Berlin.
weiterlesen …

Grund­ren­ten-De­bat­te: "Wir kön­nen die­se 90 Pro­zent doch nicht zum So­zi­al­amt schi­cken"
Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied
DGB/Simone M. Neumann
90 Prozent der Menschen, die eine Grundrente erhalten würden, brauchen diesen Zuschlag zur Rente. Das zeigt eine Studie im Auftrag des DGB. Wäre für die Grundrente eine Bedürftigkeitsprüfung erforderlich, müssten diese 90 Prozent den bürokratischen Weg zum Sozialamt antreten. Das wäre das Gegenteil von Respekt vor ihrer Lebensleistung, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach.
weiterlesen …

Grund­ren­te: Uni­on soll­te Blo­cka­de­hal­tung auf­ge­ben
Älterer Mann, ältere Frau, jüngerer Mann, jüngere Frau lehnen an Holz-Geländer und blicken lächelnd in die Ferne
Colourbox.de
Nach dem SPD-Vorschlag zur Grundrente erwartet der DGB jetzt eine schnelle Einigung der Koalitionspartner. "Die Einführung der Grundrente – und zwar ohne Bedürftigkeitsprüfung – wäre ein echter Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.
Zur Pressemeldung

Warum wir JETZT die Grund­ren­te brau­chen
Logo der Petition Grundrente Jetzt!
DGB
Die Grundrenten-Debatte nimmt Fahrt auf. Bundesarbeitsminister Heil und Bundesfinanzminister Scholz haben ein Konzept zur Finanzierung vorgelegt, das aus Sicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes in die richtige Richtung geht. DGB-Vorstand Annelie Buntenbach erklärt im Video, warum wir jetzt die Grundrente brauchen - ohne Bedürftigkeitsprüfung.
weiterlesen …