Deutscher Gewerkschaftsbund

14.03.2019
Interview

„Immer mehr Menschen rutschen in die Grundsicherung.“

Nach dem Armutsbericht 2018 des Paritätischen Gesamtverbands ist jeder vierte Arme in Deutschland eine Rentnerin oder ein Rentner, das betrifft insgesamt etwa 3,4 Millionen Ältere. Im Interview mit Matthias Becker erklärt Dr. Joachim Rock vom Paritätischen Gesamtverband, wie sich die Altersarmut in Zukunft entwickeln wird.

Portrait Joachim Rock

Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband - Gesamtverband e. V.

Joachim Rock ist Abteilungsleiter für Arbeit, Soziales und Europa beim Paritätischen Gesamtverband.

Her Rock, im Dezember hat Ihr Verband eine eigene Bestandsaufnahme der Armut in Deutschland veröffentlicht. Was haben Sie herausgefunden?

Joachim Rock: Wir haben mit unserem Armutsbericht einen Perspektivwechsel vorgenommen: Üblicherweise wurden die Armutsquoten in bestimmten Gruppen untersucht, also beispielsweise die Armut innerhalb der Gruppe „der Rentner“ oder „der Migranten“. Wenn man das macht, stellt man fest, dass im Jahr 2016 die Armut unter Rentnern und Pensionären bei 14,7 Prozent liegt. Das wäre ein unterdurchschnittliches Armutsrisiko. Wenn man aber die Zahl aller 13,7 Millionen armen Menschen in Deutschland (2016) betrachtet, zeigt sich, dass fast jeder vierte Arme ein Rentner war.  Aber wenn man stattdessen die Betroffenen untersucht und fragt, welche sozialen Merkmale sie aufweisen, wirken die Ergebnisse ganz anders: Dann zeigt sich beispielsweise, dass jeder vierte Arme eine Rentnerin oder ein Rentner ist, insgesamt etwa 3,4 Millionen Ältere betrifft das,.

Wie wird sich die Altersarmut in der Zukunft entwickeln?

Weil zahlreiche Beschäftigte heute einen Niedriglohn erhalten wird, wird die Zahl der Armutsbetroffenen zunehmen. Zwei Drittel der sozialversicherten Beschäftigten bekommen weniger als den Durchschnittsverdienst und erwerben entsprechend geringe Rentenansprüche. Dazu kommen die steigenden Mieten. Die Folge ist, dass immer mehr Menschen in die Grundsicherung rutschen werden.

Was halten Sie von dem Vorschlag des Arbeitsministers für eine Grundrente?

Wir vom Paritätischen Gesamtverband begrüßen ihn ausdrücklich. Die geplante Regelung erreicht Menschen, die längere Zeit gearbeitet haben. Voraussetzung sind 35 Jahre sogenannter Grundrentenzeiten, wozu voraussichtlich Zeiten sozialversicherter Beschäftigung, Pflege und der Kindererziehung zählen werden, letztere mit bis zu zehn Jahren pro Kind. Diese Voraussetzung erfüllen insgesamt etwa 3 Millionen Menschen, darunter etwa 130 000 Menschen, die ansonsten auf Grundsicherung angewiesen wären. Der Ehrlichkeit halber muss man aber auch sagen, dass diejenigen, die die geforderten 35 Jahre nicht erreichen – etwa 370 000 Menschen – dabei leer ausgehen werden. Für sie brauchen wir andere Unterstützungsmaßnahmen

Schafft die geplante Grenze von 35 Jahren nicht neue Ungerechtigkeiten – was ist mit einem Rentner oder einer Rentnerin, die nur auf beispielsweise 32 Jahre kommt?

Dieses Problem mit Stichtagsregelungen haben wir immer, ob wir sie nun höher oder niedriger ansetzen. Wichtiger als 2 Jahre mehr oder weniger ist aber, welche Zeiten berücksichtigt werden. So wäre es wichtig, dass auch Zeiten der Arbeitslosigkeit mitgezählt werden. Ob das so kommt, lässt sich noch nicht absehen. Viele Menschen in der Grundsicherung würden aber auch 30 Jahre nicht erreichen und kämen auch mit der Grundrente nicht aus der Grundsicherung. Ob das so kommt, lässt sich bisher noch nicht absehen.  

Die Große Koalition ist sich nicht einig, ob die Grundrente an die Überprüfung der Bedürftigkeit gekoppelt werden soll. Die CDU ist dafür, auch der Vorschlag der GRÜNEN für eine „Garantie-Rente“ sieht eine Bedürftigkeitsprüfung vor.

Diese Diskussion geht an der Wirklichkeit vorbei. Nach neueren Untersuchungen nehmen ungefähr drei Viertel der Berechtigten ihren Anspruch auf Grundsicherung überhaupt nicht wahr. Ältere Menschen scheuen den Weg „zum Amt“. Die Koalitionsparteien hatten das Ziel formuliert, alten Menschen aus Respekt gegenüber ihrer Lebensleistung den Weg zum Sozialamt zu ersparen.  Das Konzept von Hubertus Heil will genau das und erreicht auch diejenigen, die aus Scham oder Angst ihre Leistungen nicht in Anspruch nehmen.

Aber was ist mit dem Vorwurf, eine Grundrente ohne Bedürfigkeitsprüfung käme auch Wohlhabenden zugute, weil beispielsweise der Partner eine hohe Pension bezieht?

Die Grundrente ist an Bedingungen geknüpft, die sicherstellen, dass die Menschen in ihrem Leben mehr als nur ein bisschen nebenher gearbeitet haben. Ein 450 Euro-Job beispielsweise reicht nicht aus. Diese Diskussion über die Zahnarztgattinnen geht an der Lebenswirklichkeit vorbei.


Nach oben

Der Grundrenten-Rechner

Grafik eines Taschenrechner sowie das Wort "Grundrenten-Rechner"; beides weiß auf rotem Grund
DGB

Rentenkommission

Flyer "Rente mit Zukunft"

Kurs­wech­sel bei der Ren­te: Was jetzt pas­sie­ren muss
Weißer Text "Rente mit Zukunft" auf rotem Grund
DGB
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine acht Mitgliedsgewerkschaften wollen den Sinkflug der gesetzlichen Rente stoppen. Mit unserer Kampagne "Rente muss reichen" haben wir erreicht, dass die Politik sich bewegt. Wir haben erreicht, dass die Frage einer guten Alterssicherung wieder politisch diskutiert wird. Die neue Bundesregierung ist die ersten Schritte gegangen. In unserer Broschüre "Rente mit Zukunft" zeigen wir, wie es jetzt weitergehen muss.
weiterlesen …

DGB-Stellungnahme zum Entwurf des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes (Rentenpaket I)

Dokument ist vom Typ application/pdf.

DGB-Stellungnahme zum "Rentenpaket I" - Entwurf eines Gesetzes über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung (RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz): "Der Gesetzentwurf ist in seinen Grundzügen und in wesentlichen Teilen zu begrüßen. In einigen Details und insbesondere bei der Finanzierung muss jedoch nachgebessert werden."

Mehr zum Thema Rente

Ren­ten­pakt – Ver­trau­en, Ver­läss­lich­keit und Leis­tungs­fä­hig­keit der Al­ters­si­che­rung
Hand eines Kindes und Hand eines älteren Mannes
DGB/David Pereiras Villagrá/123rf.com
„Mit dem jetzt verabschiedeten Rentenpakt stoppt die Bundesregierung erst einmal den Sinkflug der gesetzlichen Rente“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach zum heute geschlossenen Rentenpakt der Bundesregierung. Das sei ein guter Anfang, aber für eine Wende in der Rentenpolitik brauche es mehr.
Zur Pressemeldung

Sind "stei­gen­de Ren­ten" ein gu­tes Si­gnal?
Pfeil auf Diagramm, erst sinkend, dann steigend
Colourbox.de
"Altersrenten stiegen seit 2007 um 22 Prozent", so eine Schlagzeile aus der vergangenen Woche zu "exklusiven Zahlen" der Deutschen Rentenversicherung. Doch wie sind diese Zahlen einzuordnen? Und ist das wirklich ein gutes Signal?
weiterlesen …

"Ar­mut stör­t" – Schat­ten­be­richt der Na­tio­na­len Ar­muts­kon­fe­renz
Deprimierter Jugendlicher vor einer Mauer
Colourbox.de
Die Erwerbsarmut hat sich in Deutschland in den letzten 10 Jahren verdoppelt. 1,2 Millionen Erwerbstätige verdienen so wenig, dass sie auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. Der am 17. Oktober vorgestellte Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz (nak) gibt Betroffenen ein Gesicht und schildert ihre prekäre Situation. Als Mitglied der nak fordert der DGB die Bundesregierung auf, sich für gute Arbeit und mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung einzusetzen.
weiterlesen …

Wir sind jun­gen Men­schen ei­ne gu­te Ren­te schul­dig
Hand eines Kindes und Hand eines älteren Mannes
DGB/David Pereiras Villagrá/123rf.com
"Nach langer Zeit weist die Rentenpolitik endlich wieder den Weg in Richtung besserer Leistungen der gesetzlichen Rente", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach zu den heutigen Beratungen zur gesetzlichen Rente im Bundestag. Das Rentenniveau müsse dauerhaft stabilisiert und angepasst werden, damit auch junge Menschen in Zukunft eine gute Rente bekommen können.
Zur Pressemeldung

Un­ter­halts­pflich­ten: Ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ar­mut nicht bin­dend
Hand von älterer Dame hält mehrere Münzen
DGB/Kaspars Grinvalds/123rf.com
Behörden und Sozialgerichte müssen Unterhaltstitel nicht ungeprüft übernehmen, wenn diese offensichtlich nicht den gesetzlichen Unterhaltspflichten entsprechen.
weiterlesen …

Ren­ten­pa­ket 2018 – wei­ter auf ei­nem gu­ten Weg
Zufriedener grauhaariger Mann im Sonnenlicht
DGB/lightpoet/123rf.com
Das Rentenpaket 2018 mit deutlichen Leistungsverbesserungen liegt vor. Die Regierung geht den Weg weiter, die Leistungsseite wieder in Ordnung zu bringen. Trotz einiger Mängel ist das Rentenpaket insgesamt zu begrüßen. Aber weitere Maßnahmen müssen folgen. Einerseits müssen nicht beitragsgedeckte Leistungen wie die Kinderzeiten für vor 1992 geborene Kinder aus Steuern finanziert werden. Andererseits muss das Rentenniveau dauerhaft stabilisiert und wieder angehoben werden. Das Ganze muss ergänzt werden um einen stärkeren Solidarausgleich.
weiterlesen …
Erste Seite 
Seite: 1 2 3
Nächste Seite  Letzte Seite