Deutscher Gewerkschaftsbund

05.07.2019

Wer lange hart arbeitet, stirbt früher

von Jörg Meyer

Wer jahrzehntelang hart arbeitet hat, stirbt früher. Zu diesem Schluss kommt eine vom DGB in Auftrag gegebene Studie von Professor Martin Brussig und Susanne Eva Schulz vom IAQ. Für DGB-Vorstand Annelie Buntenbach ist damit klar: Eine Anhebung des Rentenalters käme für viele Menschen einer deutliche Rentenkürzung gleich, da sie nicht so viel rausbekommen wie sie eingezahlt haben.

Bauarbeiten teeren und asphaltieren eine Straße

DGB/Ivan Smuk/123rf.com

Es ist eine einfache Botschaft: Finger weg von einer Anhebung des Rentenalters. „Das Rentenalter muss sich an der Realität messen lassen“, sagte DGB-Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Dienstagabend vor JournalistInnen im Haus des DGB-Vorstands in Berlin. „Höhere Altersgrenzen sind nicht allen zumutbar“, so Buntenbach weiter, „weil die Lebenserwartung ungleich steigt.“ Die Lebenserwartung insbesondere derer, „die auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, steige deutlich – „und zieht den Durchschnitt insgesamt nach oben“.

Das sind, zusammengefasst, zwei Ergebnisse aus der Studie „Soziale Unterschiede im Mortalitätsrisiko“ von Martin Brussig und Susanne Eva Schulz vom Institut für Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg Essen (IAQ). Die beiden haben im Auftrag des DGB untersucht, wie das frühere Arbeitsleben die Lebenserwartung beeinflusst.

Für das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) werden seit 1984 regelmäßig rund 30.000 Personen im Bundesgebiet befragt. Aus dem SOEP haben Schulz und Brussig Datensätze von Menschen genommen, die zwischen 1984 und 2016 ein Alter von 65 erreicht haben und Informationen darüber, ob und wenn ja, wann diese Menschen verstorben sind. Die „fernere Lebenserwartung“ ist hier die Lebenserwartung nach dem 65. Lebensjahr.

Deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Die Ergebnisse der Untersuchung in kurz und knapp:

  • Die fernere Lebenserwartung ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Hälfte der 1960 Geborenen wird ein Lebensalter von 86 Jahren (Männer) beziehungsweise 90 Jahren (Frauen) erreichen. Bei den 1920 Geborenen lagen diese Werte noch bei 80 Jahren für Männer beziehungsweise 85 Jahren für Frauen.
  • Personen mit einer schlechten Selbsteinschätzung ihrer Gesundheit sowie Personen mit einer Behinderung haben eine niedrigere fernere Lebenserwartung.
  • „Vorliegende Studien“, schreiben Brussig und Schulz, „weisen auf einen Einfluss sozioökonomischer Unterschiede hin“: Personen in überdurchschnittlichen Einkommenspositionen haben eine höhere Lebenserwartung. Mit steigendem Bildungsgrad steigt die Lebenserwartung ebenfalls.
  • Besonders hob Brussig bei der Vorstellung der Studie hervor, dass die Arbeitsbelastung, der Beschäftigte während ihrer Erwerbszeit ausgesetzt waren, die fernere Lebenserwartung ab 65 Jahren beeinflusst. Den Einfluss dieser Belastung haben Brussig und Schulz sich gesondert angesehen.

Bisherige Untersuchungen legten nah, dass das Arbeitsleben eine Rolle für die fernere Lebenserwartung spielt – auch dann, wenn es bereits beendet ist, schreiben Brussig und Schulz. Um dem auf den Grund zu gehen, haben die ForscherInnen drei Faktoren (Arbeitsbelastung, Beschäftigungsdauer und die Möglichkeit bis in die Nähe der Regelaltersgrenze zu arbeiten) untersucht.

Arbeitsbelastung und Beschäftigungsdauer wirken ein Leben lang nach

Die Zahlen sind deutlich. Männer mit einer sehr hohen beruflichen Belastung haben eine deutlich niedrigere Lebenserwartung ab 65. Jahren als Männer mit einer sehr niedrigen Arbeitsbelastung. Bei Frauen sind die gleichen Wirkungen der Arbeitsbelastungen zu sehen. Differenzierter ist Bild bei der Gruppe mit „mittlerer“ Belastung. Insgesamt sinkt die fernere Lebenserwartung aber mit steigender Arbeitsbelastung.

Beim zweiten Faktor, der Beschäftigungsdauer, lautete die Annahme, dass Menschen, die viele Jahre gearbeitet haben, länger leben, weil gute Grundgesundheit eine wesentliche Voraussetzung für langes Arbeiten sei. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer mehr als 20 Jahre Erwerbsarbeit hinter sich hat, stirbt früher als Menschen, die zwischen null und 20 Jahren gearbeitet haben, so Brussig und Schulz.

Auch hier zeigt sich wieder ein deutlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen in der ferneren Lebenserwartung. Frauen leben danach deutlich länger. Das könnte aber an einem Problem in der Erfassung der Daten selbst liegen: Männer sind in den Gruppen derer, die längere Jahre arbeiten, vermehrt statistisch vertreten, weil Frauen im Gesamtüberblick öfter unterbrochene Erwerbsbiografien und weniger Berufsjahre auf dem Buckel haben – beispielsweise durch Kindererziehung oder durch Pflege von Angehörigen. Erfasst werden aber nur die Jahre, in denen eine Person tatsächlich erwerbstätig war. Deshalb kommen Frauen eher in den Gruppen vor, die weniger Arbeitsjahre auf dem Buckel haben.

Rentenalter anheben ist nicht akzeptabel

Für Annelie Buntenbach zeigen die Ergebnisse vor allem eines: „Höhere Altersgrenzen beim Renteneintritt sind nicht allen zumutbar, weil die Lebenserwartung ungleich steigt.“

Bereits frühere Studien hätten gezeigt, dass soziale Faktoren die Lebenserwartung beeinflussen. Aber mit der neuen Untersuchung zeige sich nun, dass die allgemeine Lebenserwartung zwar ansteige, aber eben nicht für alle gleichermaßen. Von Arbeitgebern und von einigen Wissenschaftlern werde „mit der durchschnittlich steigenden Lebenserwartung die Notwendigkeit begründet, das Rentenalter weiter anzuheben“. So wird der Forscher Axel Börsch-Supan nicht müde zu betonen, dass aus Gründen der Generationengerechtigkeit das Rentenalter immer weiter steigen müsse, weit über 67 Jahre hinaus, bis 69, 70 oder noch weiter.

Für eine Analyse von 2011 untersuchte der Soziologe Lars Eric Kroll die Arbeitsbelastungen in unterschiedlichen Berufsgruppen. Danach zählen Berufe im produzierenden Gewerbe wie im Maschinenbau, in der Holz- und Kunststoffverformung, bei Baustoffherstellern oder eben im Bergbau zu den Berufen mit der höchsten Belastung. Büroberufe, Technische Zeichner, Bankkaufleute oder Kaufmännische Angestellte standen auf der anderen Seite der Skala.

Bauarbeiter steigen im Schnitt mit 58 Jahren aus ihrem Beruf aus, weil sie nicht mehr können. Sie können aber frühestens mit 63 Jahren in eine Altersrente. Was dann folgt, sei oft Hartz IV, denn die Beschäftigten sind „zu jung für die Rente und zu gesund für die Erwerbsminderung“, sagte Annelie Buntenbach.

Diese unterschiedliche Lebenserwartung sei für die Gewerkschaften „ein zentrales Thema“, sagte Buntenbach. Denn: Steigende Altersgrenzen kämen für bestimmte Gruppen einer übermäßigen Rentenkürzungen gleich. Warum? Ganz einfach: Wer lange eingezahlt hat und nach dem Ende des Erwerbslebens weniger Jahre noch lebt, bekommt weniger raus, und das ist ungerecht.


Die Studie finden Sie hier.


Nach oben

Video


DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bewertet die Ergebnisse der Rentenkommission

Rentenkommission

Flyer "Rente mit Zukunft"

Kurs­wech­sel bei der Ren­te: Was jetzt pas­sie­ren muss
Weißer Text "Rente mit Zukunft" auf rotem Grund
DGB
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine acht Mitgliedsgewerkschaften wollen den Sinkflug der gesetzlichen Rente stoppen. Mit unserer Kampagne "Rente muss reichen" haben wir erreicht, dass die Politik sich bewegt. Wir haben erreicht, dass die Frage einer guten Alterssicherung wieder politisch diskutiert wird. Die neue Bundesregierung ist die ersten Schritte gegangen. In unserer Broschüre "Rente mit Zukunft" zeigen wir, wie es jetzt weitergehen muss.
weiterlesen …

DGB-Stellungnahme zum Entwurf des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes (Rentenpaket I)

Dokument ist vom Typ application/pdf.

DGB-Stellungnahme zum "Rentenpaket I" - Entwurf eines Gesetzes über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung (RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz): "Der Gesetzentwurf ist in seinen Grundzügen und in wesentlichen Teilen zu begrüßen. In einigen Details und insbesondere bei der Finanzierung muss jedoch nachgebessert werden."

Mehr zum Thema Rente

Co­ro­na und Ren­te - Pa­nik­ma­che un­an­ge­bracht
Miniatur Rentnerpaar steht auf Goldmünzen
colourbox.de
Die Rentenerhöhung zum 1. Juli ist richtig, auch in der Corona-Krise, denn diese entspricht der Lohnentwicklung des letzten Jahres. Aussagen einzelner Rentenexperten, es drohe eine Unwucht oder kurzfristig Finanzierungsprobleme sind Meinungsmache. Bei näherer Betrachtung zeigen sich Missverständnisse und lückenhafte Darstellungen – auch wenn natürlich ein Körnchen Wahrheit enthalten ist.
weiterlesen …

Grund­ren­te – Kanz­le­rin muss ein Macht­wort spre­chen
Älteres Paar schaut aus dem Fenster
DGB/marina113/123rf.com
DGB-Vorstand Anja Piel kritisiert, dass die Union die Grundrente weiterhin blockiert. „Sie erzwingt ständig neue unsinnige Regeln und konstruiert so einen bürokratischen Hürdenlauf, statt den Menschen zu helfen“, sagt Piel. Sie fordert die Kanzlerin und Parteivorsitzenden auf, die anhaltende Sabotage durch die Wirtschaftslobbyisten zu unterbinden.
Zur Pressemeldung

Tipps für die Steu­er­er­klä­rung
Nahaufnahme weibliche Hand am Taschenrechner
DGB/morganka/123rf.com
Es ist wieder soweit: Bis Ende Juli muss die Steuererklärung abgegeben werden. Ausführliche Infos und Hilfen gibt es in der DGB-Broschüre "Lohnsteuer Grundbegriffe 2020". Sie kann ab sofort kostenlos über den DGB-Shop bestellt oder als PDF heruntergeladen werden.
weiterlesen …

"Ho­me­of­fi­ce braucht kla­re Re­geln"
Menschliche Hand will Smartphone ausschalten
DGB/strelok/123RF.com
Annelie Buntenbach geht, Anja Piel kommt: Zum Wechsel im geschaftsführenden DGB-Vorstand haben beide mit der Neuen Osnabrücker Zeitung gesprochen. Zentrale Themen: Welche Lehren ziehen wir aus der Corona-Krise? Wie wird sich die Arbeitswelt verändern? Und was bedeutet das für Rente und Konjunktur?
weiterlesen …

Schma­le Ren­te für ein Fünf­tel der Voll­zeit­be­schäf­tig­ten
Miniatur Rentnerpaar steht auf Goldmünzen
colourbox.de
Im Jahr 2018 hatten bundesweit von mehr als 21 Millionen Vollzeitbeschäftigten rund 4 Millionen einen Lohn von maximal 2203 Euro brutto; 19,3 Prozent – also einer von fünf - arbeiten damit für einen Niedriglohn. Trotz Vollzeit bekommen sie meist nur eine Rente unter 1000 Euro.
weiterlesen …

Die Ren­te nie wie­der in den Kel­ler sper­ren!
Portrait Annelie Buntenbach
DGB/Joanna Kosowska
Ende März hat die Rentenkommission der Bundesregierung nach knapp zwei Jahren Arbeit ihren Bericht abgeschlossen und der Regierung übergeben – mitten in der Corona-Krise. Deren akute Herausforderungen ließen nur wenig Raum für eine Diskussion über die Ergebnisse der Kommission und – die entscheidendere Frage – die langfristige Zukunft der Alterssicherung.
weiterlesen …
Erste Seite  Vorherige Seite 
Seite: 1 2 3
Letzte Seite