Deutscher Gewerkschaftsbund

07.03.2019
Interview

„Ein wichtiges Herumdoktern an Symptomen“

Die Europäische Ethnologin Irene Götz hat ein neues Buch über Altersarmut von Frauen herausgegeben. Jörg Meyer sprach mit ihr über Webfehler im Rentensystem, tradierte Geschlechterdiskriminierung und die Notwendigkeit der Grundrente.

Portrait Irene Götz

Robert Haas

Irene Götz, geb. 1962, studierte Volkskunde/Europäische Ethnologie und Germanistik und lehrt als Professorin für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU München. Sie ist Verfasserin und Herausgeberin von Publikationen unter anderem über die Prekarisierung von Arbeit und neuen Nationalismus. Ihr neues Buch „Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen“ erschien am 6. März im Münchener Verlag Antje Kunstmann.

In Ihrem neuen Buch „Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen“ schreiben Sie, das an lebenslanger Vollzeitarbeit orientierte Rentensystem“ sei die „vorrangigste Ursache“ für die besondere Gefährdung von Frauen im Alter. Eine umfassende Kritik…

Unser heutiges Rentensystem wurde mit der Rentenreform von 1957, als umlagefinanzierte Rente eingeführt, die an Erwerbstätigkeit gebunden ist. Nach dieser Logik müssten alle eine Rente bekommen, die erwerbstätig sind. Es gibt aber den Webfehler, dass dieses Rentensystem nicht zu den familiären Rollenbildern der damaligen Gesellschaft gepasst hat. Diesen Webfehler müssen wir beheben. Ich will ja nicht das Rentensystem komplett umbauen, sondern die Rollenmodelle müssen sich ändern. Frauen dürfen nicht mehr diejenigen sein, die über die Renten der Männer mit versorgt sind und damit in finanzieller Abhängigkeit leben. Zusammengefasst: Das Rentenmodell von 1957 ging von einer Gesellschaft aus, in der die Löhne immer weiter steigen und die traditionelle Konstellation „Mann bleibt mit Frau zusammen“ bis ins hohe Alter hält. Das Rentensystem und die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse passen vor dem Hintergrund schon lange nicht mehr zusammen.

Und wie beheben wir diesen Webfehler?

Wir müssen viel mehr Frauen in Vollzeitarbeit bringen, aber dafür muss man am gesellschaftlichen Rad insgesamt drehen: Solange Kinderbetreuung nicht kostenfrei ist und es zu wenige Plätze gibt, bleibt das ein frommer Wunsch. Zweitens muss sich der Arbeitsmarkt dahingehend ändern, dass es ausreichend Vollzeitarbeitsplätze für Frauen gibt; auch alters- und alternsgerechte Arbeitsplätze. Wir wollen dem entgegenwirken, dass Frauen, die immer wieder zu hören bekommen: Als Mütter müsst ihr zu Hause bleiben, das auch glauben und letztlich zu Hause bleiben und nicht arbeiten gehen. So lange sich das nicht ändert, kann das Rentensystem nicht gut funktionieren.

Das heißt, die steuerfinanzierte Grundrente ist letztlich nur ein Herumdoktern an Symptomen.

So lange noch nicht alle ins Rentensystem einzahlen, wie Beamte oder Selbstständige, und solange wir noch so viele Frauen haben, die im Alter arm sind oder es zu werden drohen, solange muss man das System beispielsweise mit Steuermitteln stützen, damit zumindest diejenigen, die erwerbstätig waren, abgesichert sind.

Damit ist die Grundrente ein äußerst wichtiges Herumdoktern an Symptomen; und ein Herumdoktern an den Folgen des Niedriglohnsektors, denn Minijobs sind überwiegend weiblich. Die Grundrente ist vielleicht nicht ganz konform mit dem Umlageprinzip, sie wird aus Steuergeldern finanziert. Und es hilft nicht, sich jetzt in Prinzipienreiterei zu üben und zu betonen, wie ungerecht die Grundrente angeblich ist, weil auch die „Arztgattin“ sie bekommen könnte. Stattdessen brauchen wir eine Generationensolidarität, um diejenigen, die aufgrund von erzwungener Teilzeit und aufgrund herrschender Rollenbilder, 35 Jahre lang wenig verdient haben, zu unterstützen. Deshalb darf es auch keine Bedürftigkeitsprüfung geben.

Den Zusammenhang müssen Sie erklären.

Eine unserer Interviewpartnerinnen war Monika Tegt. Sie hat deshalb mitgemacht, weil sie so wütend auf die Bürokratie ist und verzweifelt, weil sie nur mit Hilfe der offenen Altenhilfe in München, überhaupt erfolgreich einen Antrag auf Aufstockung ihrer Rente stellen konnte. Dafür musste sie unter anderem jeden Verwandtschaftsbesuch, für den ihre Familie die Fahrkarte spendiert hat, offenlegen. Frau Tegt war unter Dauerbeobachtung. Der Hammer war: Dann kam die Mütterrente und ihr Anspruch auf Grundsicherung erlosch. Das war ein riesiges Hin und Her und hat sie wahnsinnig viel Kraft gekostet.

Die Grundrente ist auch deshalb ein gutes Instrument, weil der Gang zum Amt sehr schambehaftet für die Frauen ist, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Die Dunkelziffer derer, die darauf verzichten, ist sehr hoch. Die Frauen profitieren zweifach von der Grundrente. Erstens haben sie mehr Geld, und zweitens ist es gut für ihr Selbstwertgefühl, wenn sie nach einem Leben voller Arbeit nicht am Ende zum Amt müssen.

Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?

Ich denke, mit Fallbeispielen und Erfahrungsberichten kann man politisch anders argumentieren als nur mit Zahlen und Statistiken. Hier ist auch das gelebte Leben vertreten. Als wir vor fünf Jahren angefangen haben, haben wir keine qualitativen Studien zu Altersarmut von Frauen gefunden. Das Buch richtet sich deshalb unter anderem an Politikerinnen und Politiker, die damit außerhalb ihres eigenen Milieus Einblicke bekommen können. Viele, die jetzt beispielsweise über die Grundrente diskutieren, wissen nicht mehr, wie es in der Gesellschaft konkret aussieht. Außerdem kann das Buch betroffenen Frauen helfen, sich ihrer Situation zu stellen und jüngeren Frauen, Anreize geben, sich frühzeitig mit einer eigenen Alterssicherung auseinandersetzen.


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