Deutscher Gewerkschaftsbund

11.03.2019
Kolumne zur Alterssicherung

Was interessiert mich die Rente?

von Daniel Merbitz, GEW

Wir sind gekommen, um nicht wieder zu gehen. Denn wir wollen ein Leben mit Würde, auch wenn wir uns jung fühlen, der Ausweis dies aber leugnet. Des Menschen Würde, nichts Geringeres, ist im Alter gefährdet, wenn das Geld nicht reicht. Und darum stehen wir hier, pfeifen, klatschen und rufen: Uns interessiert die Rente!

Älteres Paar auf Parkbank, Rückenansicht

DGB/Wavebreak Media Ltd/123rf.com

Wir stehen im besten Alter, wir sind jung, ewig jung und fühlen uns so. Uns kann nichts etwas anhaben, kein Unheil dieser Welt, schon gar nicht das Alter, das Altern. Wir sind fit, trinken Biomilch und joggen zum Büro oder wir feiern mit den Kumpels nach der Schicht. Alter? Keine Frage für uns. Noch ein Bier geht, ja, hoch auf das Leben, das Schöne, das Einzigartige.

Auf den tristen Gängen mit den Kästen zum Nummern ziehen. Wir wissen nicht, wie wir die Kinder durchbringen sollen, die Demütigungen auf dem Amt, die Schande HARTZ IV, die uns quält, da denke ich nicht an meine Rente, ich denke an das tägliche Überleben. Zum Ende des Monats werden die Supermärkte in Grünau und Hellersdorf leerer, die Wagen sind weniger gefüllt. Erst wenn der Monatserste wieder da ist, dann wird alles wieder voller. Da soll ich an Rente denken.

Schwindelerregend hoch. Vorsicht, das muss anders gemauert werden, das muss anders gezimmert werden, das muss anders genagelt werden, ja, doch, das Geld dafür am Freitagabend ist bar auf die Hand, mein Aushilfsjob auf dem Bau, Scheine, die ich zum Leben brauche. Da fährt unten eine rote Straßenbahn vorbei, die ich vom Gerüst erspähe: Rente muss zum Leben reichen. Toller Spruch, der mir nichts nützt.

Portrait von Daniel Merbitz, GEW-Hauptvorstand

GEW

Der Autor

Daniel Merbitz ist Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dort ist er zuständig für den Arbeitsbereich Tarif- und Beamtenpolitik. Weitere Informationen zu Daniel Merbitz finden Sie hier.

Das ich muss zum wir werden. Wir sind ich. Ich ist wir. Uns geht die Zukunft etwas an und die Zukunft, der man zugewandt war und ist, ist das Alter. Eine Zeit, in der das Erwerbseinkommen oft wegfällt, eine Zeit, in der manche dazu verdienen müssen. Die Nachbarin einer Freundin, die für zehn Euro die Treppe putzt, um sich ihre gesetzliche Rente aufzubessern, damit die letzten Träume nicht Schäume bleiben. Denn auch im Alter darf und muss man träumen. Sie träumt vom Gardasee, schrubbt deshalb für die Freundin, die keine Zeit dazu hat, das dunkle Treppenhaus. Denn sonst ist die Ordnung in Gefahr, die Hausordnung. Die Freundin denkt nie an die Rente, nur wenn sie ihre Nachbarsdame sieht, gebeugt über dem Eimer, achtgebend, beim Treppe herabsteigend, nicht zu viele Tappsen auf den Dielen zu hinterlassen. Es knirscht, die alte Dame schaut der jungen, auf Arbeit hetzenden Freundin hinterher. Ob die eines Tages an ihre Rente denken wird, grübelt sie mit dem Wischlappen in der Hand.

Und wir demonstrieren heute. Wir sind gekommen, geschmückt mit selbstgebastelten Schildern aus Pappe und Leisten und roten und gelben und grünen Bannern, aus den Handwerks- und Gewerbestätten, aus den Hütten und den Palästen. Bunt sind wir und wir kommen, wir trinken Biomilch, wir joggen, wir lassen uns auf den Ämtern demütigen von der falschen Sozialpolitik, wir verlassen die quetschende Enge und nehmen auch die Freundin und ihre Nachbarin mit, und den Malocher, den Straßenbahnbeobachter vom Gerüst. Denn wir sind auf der grauen Straße der Hauptstadt und laufen zum Sitz der Volksvertreter, wir, die wir bauen und putzen und lehren und fahren und sitzen und schuften und pflegen und meißeln und schrauben und schwitzen und frieren und packen und E-Mails senden und beraten und tagen.

Wir sind gekommen, um nicht wieder zu gehen. Denn wir zeigen, dass wir ein Leben mit Würde auch leben wollen, wenn wir uns zwar jung fühlen, der Ausweis dies aber leugnet, die Geburtsurkunde jammert und ächzt über unseren ewigen Wahn von der ewigen Jugend. Des Menschen Würde, nichts Geringeres ist im Alter gefährdet, wenn das Geld nicht reicht, für die wenigen Träume und die grundlegenden Bedürfnisse, die Wohnung, das Essen, aber auch die Katze, das Theater, der Schokobecher mit Eierlikör mit den lachenden Freundinnen, das Heimspiel von RB, FC, HC, EC, TSV und Co. und wir mit dem Krückstock. Und darum stehen wir hier, vor diesem vornehmen Bau mit der durchsichtigen Kuppel und pfeifen und klatschen und rufen: Uns interessiert die Rente!

Dieser Text ist Teil unserer Kolumne zum Theme Rente. Alle 14 Tage finden Sie hier einen neuen Beitrag - von Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Verbänden und Gewerkschaften.

Die Meinungen und Äußerungen der Autorinnen und Autoren dieser Kolumne entsprechen nicht zwangsläufig den Positionen des Deutschen Gewerkschaftsbundes.


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