Deutscher Gewerkschaftsbund

20.05.2019
Kolumne zur Alterssicherung

Verdienen Sie doch einfach mehr!

von Anny Hartmann, Kabarettistin

Jemand zahlt vom Einkommen keine Sozialbeiträge? Bei Geringverdienern nennen wir das Schwarzarbeit, bei Besserverdienenden ist das gesetzlich garantiert. Das finden Sie ungerecht? Aber nur weil sie Geringverdiener sind, meint Kabarettistin Anny Hartmann und rät: Machen Sie es wie Martin Winterkorn.

Symbild Einkommensunterschied: Zwei Männer sitzen / stehen auf kleinen, bzw. großen Münzstapeln

Colourbox

Wann immer Sie diese Kolumne lesen, wird es unerschütterliche Wahrheiten geben: die Erde ist rund, Eis ist kälter als Suppe und Frauen verdienen weniger als Männer.

Pünktlich zum Internationalen Frauentag versuchen die Medien jedes Jahr aufs Neue, Antwort auf die Frage zu geben, WARUM Frauen weniger verdienen als Männer. Meine Allzeit-Lieblingsantwort kam vor ein paar Jahren von der damaligen Frauenministerin Kristina Schröder, Sie erinnern sich? Frau Schröder hatte ihren Ministerposten niedergelegt, weil sie erkannt hatte: Familie und Beruf lassen sich schwer vereinbaren. Ach was! Und wer hätte daran was ändern können? Die Familienministerin vielleicht? Wäre das nicht sogar ihre Aufgabe gewesen?

So weit, so schlimm. Aber was hatte sie gesagt? Sie sagte sinngemäß: „Frauen verdienen deswegen weniger als Männer, weil sie sich Berufe aussuchen, in denen weniger gezahlt wird.“ WOW! So eine Argumentation nannte man früher „das Pferd von hinten aufzäumen“. Die Frage ist doch: warum wird in den klassischen Frauenberufen so wenig bezahlt? Ganz einfach: Weil man deren Arbeit nicht wertschätzt. Warum verdient ein Fußballer das Hundertfache einer Krankenschwester? Der tut nichts, der will nur spielen!

Aber egal, ob Mann oder Frau: Mit normaler Arbeit werden Sie nicht reich. Ich bitte Sie, von einem Arbeitseinkommen müssen Sie doch Einkommensteuer zahlen und die Abgaben für die Sozialversicherungen wie Arbeitslosen- und Rentenversicherung werden auch noch fällig. Diese Abgaben werden prozentual von Ihrem Einkommen abgezogen – allerdings nur bis zu einem bestimmten Betrag. Dieser Betrag nennt sich Beitragsbemessungsgrenze und liegt im Jahr 2019 bei 80.400 Euro pro Jahr. Wenn Sie reich werden wollen, müssen Sie auf jeden Fall ein Gehalt bekommen, das über der Beitragsbemessungsgrenze liegt. (Sagen Sie drei mal schnell hintereinander Beitragsbemessungsgrenze. – Geschafft? Dann machen Sie mir Angst!) Für alles, was Sie darüber hinaus verdienen, zahlen Sie keinen Cent mehr in die Sozialversicherungen, keinen Cent in die Arbeitslosenversicherung, keinen Cent in die Rentenkasse. Das finden Sie ungerecht? Aber doch nur, weil Sie weniger verdienen!

Verdienen Sie doch einfach mehr!

Portrait Kabarettistin Anny Hartmann

Wolfgang Michel

Die Autorin

Anny Hartmann ist Diplom-Volkswirtin, hat sich aber von der Wirtschaft ab- und den Menschen zugewandt. Seit dem Jahr 2010 macht sie sehr erfolgreich politisches Kabarett. Weitere Infos und Auftrittstermine finden Sie auf ihrer Website www.annyhartmann.de

Oder Sie werden Mitglied in einem Vorstand oder einem Aufsichtsrat.

Warum wäre es wichtig, so einen Posten zu bekleiden? Weil Sie so richtig reich werden können. Die Vergütungen für Vorstände und Aufsichtsräte sind meistens sehr hoch und auch Sie zahlen von dem Teil Ihres beachtlichen Salärs, der über die Beitragsbemessungsgrenze hinaus geht, keinen Cent in die Sozialversicherungen.

Erinnern Sie sich an Martin Winterkorn? Martin Winterkorn war Vorstandsvorsitzender bei der Volkswagen AG bis die Abgasmanipulationen entdeckt wurden. Er trat damals zurück mit der Behauptung, er habe von den gefälschten Werten nichts gewusst. Für dieses „Nicht-Wissen“ hat er im Schnitt 14 Millionen Euro pro Jahr erhalten. Auch nicht schlecht, 14 Millionen fürs Nicht-Wissen. Mir fällt grad auf: Ich weiß auch eine ganze Menge nicht. Da bin ich aber chronisch unterbezahlt! Gut, da muss man sich als Frau dran gewöhnen.

Aber Martin Winterkorn hat nicht nur diese 14 Millionen bekommen (ja, nur bekommen, verdient hatte er sie nicht), er hat davon keine Abgaben an die Sozialversicherungen gezahlt - keinen Cent in die Arbeitslosenversicherung und vor allem keinen Cent in die Rentenversicherung. Wissen Sie, und die Leute glauben immer noch, die Renten seien niedrig, weil die Menschen keine Kinder bekommen. Für 14 Millionen beitragsfreie Euro müssen Sie aber einen verdammten Haufen Kinder bekommen. Das schafft nicht mal Frau von der Leyen.

Übrigens: ein Einkommen haben, ohne dafür Abgaben an die Sozialversicherungen zu bezahlen, das nennen wir bei Geringverdienern Schwarzarbeit.

Ohne diese „Schwarzarbeit“ der Besserverdienenden ließe sich das Rentenproblem lösen: man lässt ALLE Erwerbstätigen und nicht nur die Geringverdiener in die Rentenversicherung einzahlen und hebt die Beitragsbemessungsgrenze an – auch ein blinder Staat findet mal ein Winterkorn.

Dieser Text ist Teil unserer Kolumne zum Theme Rente. Alle 14 Tage finden Sie hier einen neuen Beitrag - von Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Verbänden und Gewerkschaften.

Die Meinungen und Äußerungen der Autorinnen und Autoren dieser Kolumne entsprechen nicht zwangsläufig den Positionen des Deutschen Gewerkschaftsbundes.


Nach oben

Video


DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bewertet die Ergebnisse der Rentenkommission

Rentenkommission

Flyer "Rente mit Zukunft"

Kurs­wech­sel bei der Ren­te: Was jetzt pas­sie­ren muss
Weißer Text "Rente mit Zukunft" auf rotem Grund
DGB
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine acht Mitgliedsgewerkschaften wollen den Sinkflug der gesetzlichen Rente stoppen. Mit unserer Kampagne "Rente muss reichen" haben wir erreicht, dass die Politik sich bewegt. Wir haben erreicht, dass die Frage einer guten Alterssicherung wieder politisch diskutiert wird. Die neue Bundesregierung ist die ersten Schritte gegangen. In unserer Broschüre "Rente mit Zukunft" zeigen wir, wie es jetzt weitergehen muss.
weiterlesen …

DGB-Stellungnahme zum Entwurf des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes (Rentenpaket I)

Dokument ist vom Typ application/pdf.

DGB-Stellungnahme zum "Rentenpaket I" - Entwurf eines Gesetzes über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung (RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz): "Der Gesetzentwurf ist in seinen Grundzügen und in wesentlichen Teilen zu begrüßen. In einigen Details und insbesondere bei der Finanzierung muss jedoch nachgebessert werden."

Mehr zum Thema Rente

Was ist der Nach­hol­fak­tor bei der Ren­te?
Hand hält geöffneten, fast leeren Geldbeutel
DGB/Katarzyna Białasiewicz/123rf.com
Die Rente muss mit den Löhnen steigen. Alles andere wäre ungerecht. Rentner*innen sollen sich das gewohnte Leben und die aktuelle Wohnung weiter leisten können. Der Nachholfaktor bedeutet Rentenkürzungen und verhindert, dass die Renten den Löhnen folgen. Warum das so ist, erklärt der Deutsche Gewerkschaftsbund.
weiterlesen …

Acht Ar­gu­men­te ge­gen Ren­ten­er­hö­hun­gen – die al­le falsch sind
Ältere Frau zählt Geld in ihrer Hand.
DGB/grinvalds/123rf
Arbeitnehmer*innen verdienen eine gute Rente. Die Höhe der Rente muss für das gewohnte Leben und die aktuelle Wohnung reichen. Für den DGB ist klar: Das Rentenniveau darf nicht unter 48 Prozent sinken und muss wieder angehoben werden, auf etwa 50 Prozent. Unstrittig ist auch: Die Renten müssen wie die Löhne steigen.
weiterlesen …

Die Am­pel tritt bei der Ren­te auf die Brem­se
Alte Frau zählt Geld an Tisch.
DGB/gajus/123rf
Die Bundesregierung plant, die Rentenerhöhung in diesem Jahr zu drosseln. Dabei hieß es noch in den Koalitionsverhandlungen, die Rente solle in einem stabilen Verhältnis zur Lohnentwicklung bleiben.
weiterlesen …

„Wir. Al­le. Zu­sam­men.“ – Für ei­ne so­li­da­ri­sche Ge­sell­schaft
Familie mit mehreren Generationen lacht in die Kamera
DGB/Mark Bowden/123rf.com
Die älteren Generationen wollen sich mitverantwortlich an der Lösung der anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen beteiligen. Das ist die zentrale Botschaft der „Hannoverschen Erklärung“, die die BAGSO gemeinsam mit ihren 125 Mitgliedsverbänden u.a. dem DGB und den in der BAGSO vertretenden Mitgliedsgewerkschaften veröffentlicht hat.
weiterlesen …

Ein Ko­ali­ti­ons­ver­trag mit Stär­ken und Schwä­chen
Reiner Hoffmann, DGB-Vorsitzender, im Interview
DGB/Gordon Welters
12 Euro Mindestlohn, Stärkung von Tarifbindung und Mitbestimmung, mehr Klimaschutz: Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung enthält gute und wichtige Punkte. Doch es gibt auch klare Schwächen, zum Beispiel bei den Themen Investitionen, Steuern und Minijobs. Unsere Bewertung im Überblick.
Zur Pressemeldung

13. Deut­scher Se­nio­ren­tag: On­li­ne statt in Prä­senz
Logo 13. Deutscher Seniorentag
BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V.
Angesichts immer weiter steigender Corona-Infektionszahlen richtet die BAGSO den 13. Deutschen Seniorentag ausschließlich als digitale Veranstaltung aus. „Die Entscheidung, den Deutschen Seniorentag nicht in Präsenz durchzuführen, ist uns nicht leicht gefallen. Als Veranstalter stellen wir uns aber unserer Verantwortung für die Gesundheit der Teilnehmenden“, erklärt Franz Müntefering, Vorsitzender der BAGSO.
weiterlesen …
Erste Seite 
Seite: 1 2 3
Nächste Seite  Letzte Seite