Deutscher Gewerkschaftsbund

20.08.2019
Kolumne zur Alterssicherung

Deutscher Geiz gegenüber den Leistungsträger*innen von einst

von Sookee, Rapperin und politische Aktivistin aus Berlin

Ich mag Erwachsene oft nicht. Sie vergessen, dass sie mal Kinder waren. Hätten sie dies präsenter im Herzen, würden sie kleine Leute nicht so häufig übergehen, übertönen, herumkommandieren, Stress und Frust an ihnen auslassen oder sie mit absurden Erwartungen überfordern.
Und dass sie selbst endlich sind und in ungewisser Zeit versterben werden, verdrängen sie zum Ausgleich auch noch gehörig. Ich höre Kinder öfter über den Tod laut nachdenken als Erwachsene.

Sookee

Sookee, Berliner Rapperin und politische Aktivistin. Foto: Katja Ruge

Lebenszeit ist so entsetzlich kurz. Das wird uns meistens erst klar, wenn jemand Nahestehendes aus dem Leben geshieden ist.

Alles spricht dafür, sich das Leben shön zu gestalten: Für sich persönlich, in der Familie, im Freund*innenkreis, in der Community, im Arbeitskontext, in der Gesellschaft. Leider ist der erwachsene Mensch vielfach weder in der Lage im Moment zu leben, noch langfristig und nachhaltig zu agieren.
Ich kann schon nachvollziehen, wenn es zum 18. Geburtstag nicht oberste Priorität ist, einen Bausparvertrag abzuschließen. Und Jahrzehnt um Jahrzehnt nur für die Altersruhe zu malochen, um dann am besten schön mit dem Renteneintritt direkt in die Grube zu hüpfen.

Aber als Fliesenlegerin bis 67 auf kaputtgearbeiteten Knien rumzurutschen, um dann mit einem Witz von einem Rentenbetrag abgespeist zu werden, ist natürlich auch keine Option.
Warum es dem Staat nicht möglich ist, kleinen Leuten (also denen, die das Leben weitestgehend noch vor sich haben) und alten Menschen (also denen, die schon so manches Jahrzehnt gestemmt haben) eine schöne Zeit zu bescheren, ist mir absolut schleierhaft. Die einen brauchen großherzige Vorbereitung und die anderen brauchen Zuwendung und Geduld, um endlich mal ausatmen zu können und Existenzängste nicht bis ans Verfassen des eigenen Testaments heranzutragen.

Kinderarmut. Altersarmut. Zwei der vielen Schanden in diesem Land.

Dass Frauen den größten Teil ihres Lebens aufgrund doppelter Vergesellschaftung von Altersarmut betroffen sind, ist eine alte feministische Kritik am Staat. Ihre Arbeitsleistung als beispielsweise Arbeitnehmerin und als Hauptverantwortliche für die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit wird nicht zweifach belohnt. Im Gegenteil: Frauen erhalten in Deutschland immer noch lediglich rund 50 Prozent der Rente, die Männer beziehen. Ursächlich dafür ist der vorübergehende Austritt vieler Frauen aus dem Arbeitsleben im Falle einer Familiengründen. Beim Wiedereinstieg stehen aufgrund der ungleichen Verantwortungsübernahme in der privaten reproduktiven Alltagsarbeit zumeist nur minder bezahlte halbe Stellen in Berufen, die keine großen Karrieren vorsehen zur Verfügung. Der Gender Pay Gap trägt also vehement zur Altersarmut bei Frauen bei. Für Frauen of Color, queere Frauen, solche mit Behinderung oder Nicht-Akademikerinnen verschärft sich das Szenario noch.

Eine Rentenverteilung, die der Lebensrealität aller Menschen gerecht wird und sich nicht primär am weißen Durchschnittsmann ausrichtet, kann doch nicht zu viel verlangt sein. Ich bin keine Juristin, aber ich lebe seit 33 von möglichen 35 Jahren in diesem Land und ich habe eine Beziehung zu der Art und Weise wie in Deutschland Ressourcen verteilt werden. Wie sich einerseits der Leistungsdruck im Kapitalismus manifestiert und andererseits keine angemessene Wertschätzung für die tagtägliche Care-Arbeit, die Frauen meistenteils ihr gesamtes Leben leisten.

Es gibt keine institutionalisierte progressive Debatte, die alle Menschen in dieser Gesellschaft in ihrem Leben durchlaufen könnten, durch die ihr Blick für das Verunsichtbarte geschärft und eben jenes dadurch in die Welt der Anerkennung und Wertschätzung gelangen könnte. Strategisch argumentiert tragen glückliche Individuen, die sich gesehen und gewertschätzt fühlen, zu einer leistungsbereiteren Gesellschaft bei. Nicht mal das ist Grund genug für einen großzügigen, gütigen Sozialstaat, seinen einstigen Leistungsträger*innen, den Alten, den Lebensabend mit finanzieller Sorglosigkeit zu versüßen.

Die Autorin

Sookee ist eine Berliner Rapperin und politische Aktivistin. 1983 im mecklenburgischen Pasewalk geboren wuchs sie in West-Berlin auf, nachdem ihre Eltern im Jahr 1986 aus der DDR ausreisten. Sookee engagiert sich mit ihrer Musik und ihren Texten seit Jahren gegen Sexismus und Rassismus. Neben ihrem Dasein als Musikerin ist Sookee aktiv in einem Berliner Bildungsverein zur interkulturellen Bildung und Gewaltprävention. Ihr aktuelles, achtes Album heißt "Mortem und Makeup" und ist beim Hamburger Label Buback erschienen.

Mehr: sookee.de


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DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bewertet die Ergebnisse der Rentenkommission

Rentenkommission

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