Deutscher Gewerkschaftsbund

22.04.2019
Kolumne zur Alterssicherung

Ein Leben lang abhängig vom Partner

von Claudia Tiedge, NGG-Vorstandsmitglied

Wer in seinem Berufsleben hart gearbeitet hat, sollte danach eine Rente bekommen, die vor Armut im Alter schützt. Doch gerade bei Frauen ist das oft nicht der Fall. Warum ist das so? Eine Erklärung von NGG-Vorstandsmitglied Claudia Tiedge.

Kellner in der Gastronomie mit mehreren Tellern

DGB/maximkabb/123RF.com

Egal ob im Krankenhaus oder auf der Baustelle, in der Gastronomie oder in der Bäckerei: Wir arbeiten alle hart und geben unser Bestes. Die Rente ist eine Zahlung für unsere Lebensleistung, die für alle Berufe gleich sein sollte. Sie darf auf keinen Fall so niedrig sein, dass wir uns im Alter überlegen müssen, ob wir lieber hungern, damit wir nicht frieren müssen. Es stehen aber zu viele Menschen vor genau dieser Frage – und überwiegend sind das Frauen. Durch die Einführung der Grundrente würden rund drei Millionen Menschen profitieren. Mehr als zwei Millionen davon sind Frauen. Aber warum haben am Ende eines arbeitsreichen Lebens Frauen oft eine deutlich niedrigere Rente als Männer?

Ich bin mir sicher, würden wir auf der Straße eine Umfrage starten, ob Frauen dieselben beruflichen Chancen haben wie Männer, würde das die Mehrheit mit „Ja“ beantworten. Aber stimmt das? Können Frauen und Männer ihr Leben so frei gestalten, wie sie es sich wünschen?

Ich sage nein, können wir nicht. Der große Unterschied in der Höhe der Renten zeigt es. Es gibt viele Gründe für diesen geschlechtsspezifischen finanziellen Unterschied. Einen greife ich hier auf: Stellen wir uns eine junge Frau vor. Die ist, wie viele junge Frauen heute, gut ausgebildet und hat ihren beruflichen Werdegang fest im Blick. Wenn aus dieser jungen Kollegin eine junge Mutter wird, gibt es zu oft nur den einen, wie in Zement gegossenen Weg: Die berufliche Planung weicht einem Alltag aus Kindererziehung und Haushalt, aus Vollzeit wird Teilzeit und das bleibt dann für die nächsten Jahre so, bis die Kinder groß sind. Genau das ist es, was mich so beschäftigt.

Portrait Claudia Tiedge, stellvertretdne Vorsitzende NGG

NGG

Die Autorin

Claudia Tiedge ist Stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Eine Kurzbiografie von Claudia Tiedge finden Sie hier.

Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen

Natürlich hat diese Entscheidung auch finanzielle Gründe. Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, werden schlechter bezahlt. Aber die Gesellschaft scheint auch zu erwarten, dass wir Frauen diesen Weg gehen. Ein Mann wird nicht gefragt, wer auf die Kinder aufpasst, während er Karriere macht. Dieses Lebensmodell führt zu einer niedrigen Rente und einer lebenslangen wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Partner. Mit Ehegattensplitting und Minijob werden wir die Wende in der klassischen Rollenverteilung nicht einleiten. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um nicht weiter Altersarmut von Müttern zu produzieren. Einerseits ist der Staat gefragt – Stichwort Grundrente. Aber auch wir Eltern können etwas tun, denn wir erziehen unsere Kinder; hoffentlich in erster Linie zu Menschen und nicht zu Frauen und Männern.

Ich wünsche uns den Mut, umzudenken. Ich wünsche uns den Mut, traditionelle Geschlechterrollen zu tauschen und die Freiheit von allen Andersdenkenden, diesen Tausch nicht negativ zu bewerten. Kinder sind etwas Wunderbares. Mein Kind ist wunderbar. Und ich finde die Rollenverteilung bei mir und meinem Mann grandios. Mann und Kind übrigens auch. Doch so lange Frauen mit einer Vollzeitstelle oder in Führungsposition als Rabenmütter tituliert werden, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Unterschiedliche Bewertung von Arbeit

Ein weiterer Grund für die großen Unterschiede in den Renten von Frauen und Männern ist die unterschiedliche Bewertung von Arbeit. Damit meine ich nicht die Geringschätzung von Hausarbeit. Ich meine die konkrete Bewertung von Fähigkeiten, die Frauen und Männer in ihre Tätigkeiten einbringen. Oft sind auch Tarifverträge aus der Tradition heraus so gestaltet, dass körperliche Kraft höher bewertet wird als Geschicklichkeit, Kommunikationsfähigkeit oder Einfühlungsvermögen. Deshalb sind Tarifverträge so wichtig. Sie sichern, dass unsere Arbeit nach Belastung und Anforderung gleich bewertet wird. Egal, ob die Tätigkeit eine Frau oder ein Mann ausführt. Daran arbeiten wir als Gewerkschaft NGG. Guter Lohn bedeutet auch gute Rente.

Ich weiß, dass ich mit einem Text nicht die Wende einleite, wie Frauen und Männer sich Familie, Hausarbeit und Arbeit oder Karriere aufteilen. Aber ich glaube fest daran, dass es hilft, Bedenken und Wünsche immer wieder anzusprechen und einen Menschen nach dem anderen mitzunehmen. Das wird klappen. Nicht umsonst bin ich Gewerkschafterin geworden

Dieser Text ist Teil unserer Kolumne zum Theme Rente. Alle 14 Tage finden Sie hier einen neuen Beitrag - von Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Verbänden und Gewerkschaften.

Die Meinungen und Äußerungen der Autorinnen und Autoren dieser Kolumne entsprechen nicht zwangsläufig den Positionen des Deutschen Gewerkschaftsbundes.


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DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bewertet die Ergebnisse der Rentenkommission

Rentenkommission

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DGB-Stellungnahme zum Entwurf des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes (Rentenpaket I)

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